Kolumne: der Druck und die Lifestyle-Leiter

16. März 2015 von in

„Nichts ist ein Dauerzustand.“ Als meine frischgetrennte Freundin B. und ich am Wochenende die sonnige Isar entlanglaufen, sagt sie wieder mal diesen einen Satz, der alles irgendwie gut macht. Das kann sie, dafür liebe ich sie, und mit dieser Fähigkeit schafft sie es seit Jahren, aus den schlimmsten Grübeleien ein beflügeltes Gefühl zu machen, wenn ich nach einem Treffen mit ihr wieder meine Haustür aufsperre.

„Nichts ist ein Dauerzustand“ ist nämlich eine Sache, die wir uns viel öfter vorsagen sollten. Denn es ist der Gegengedanke von dem, was gerade überall das Thema zu sein scheint: der wahnsinnige Druck, den wir uns Mitte 20 machen. Wir sind keine Teenies mehr und das offene Gefühl von damals, kurz nach dem Abi, an dem uns alles und jeder offen stand und wir uns auf nichts festlegen mussten, hat sich verändert. Wir katapultieren uns selbst immer mehr in die Spirale des Erwachsenwerdens, denken zu wissen, was wir wollen und hetzen dem großen Ziel hinterher: Ankommen. Wir wollen Erfolg im Job oder überhaupt einen Job, der uns Spaß macht. Wir wollen eine Wohnung, die aussieht, wie auf Pinterest und bitte hell und groß ist. Und wir wollen den richtigen Kerl an unserer Seite, mit dem wir dann in sich rasend nähernder Zukunft den Mama-Lifestyle leben können.

Lifestyle, nirgendwo wird er mehr propagiert und zum neuen Statussymbol gemacht, als in der Bloggerwelt. Es geht um das Gesamtpaket: Schon beim Aufstehen sollen wir „awesome“ sein, nach der ersten Joggingrunde und einem grünen Smoothie topmotiviert in unseren Superjob starten, der natürlich alles sein muss, total unser Ding, die pure Selbstverwirklichung und gleichzeitig so gut bezahlt, dass wir uns regelmäßige Luxusurlaube und die neue Céline leisten können. Je mehr Freunde auf einmal einen richtigen Job haben oder tatsächlich ein Kind bekommen, desto stärker wird der Druck, mitzuziehen auf der Lifestyle-Leiter. Auch Job, Mann, Kind und Wohnung zu bekommen und all das zu erreichen, was von allen Seiten als Lebensziel vorgegeben wird.

Bei der ganzen Hetzerei vergessen wir aber oft das Wichtigste: uns zu entspannen. Trennungen werden Mitte 20 langsam zu ganzen Lebenskrisen, weil nicht nur ein wichtiger Mensch, sondern auch der Faktor Mann, mit dem dann in paar Jahren der Familienlifestyle geführt werden könnte, weg ist. Ein Rückschlag im Job ist nicht nur ein schlechter Tag, sondern paart sich sofort mit den Zukunftsängsten um den Karrierestatus, den man doch so gern in ein paar Jahren erreicht haben möchte. Und die Offenheit von früher, die ist irgendwie nicht mehr da.

Vielleicht sollten wir alle ab und zu mal durchatmen und uns eingestehen, dass eben wirklich nichts ein Dauerzustand ist. Und das krampfhafte Ankommen im erträumten Lifestyle auch nicht das Ende der ganzen Hetzerei wäre – sondern man sich vielleicht sogar noch viel mehr nach dem Anfang-20-Gefühl sehnt, je schneller man bei Traummann, Traumwohnung und Traumjob ankommt. Egal, ob wir 20, 25 oder 30 sind: Wir sollten wieder lernen zu scheitern. Trennungen oder Rückschläge anzunehmen, anstatt sie sofort ausbügeln zu wollen. Situationen wie diese dazu nutzen, unseren Weg zu hinterfragen und in uns hineinzuhorchen, ob wir eigentlich glücklich sind. Und ab und zu einfach mal eine Pause von der Lifestyle-Leiter nehmen und uns eingestehen: es ist sowieso nichts ein Dauerzustand.

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12 Antworten zu “Kolumne: der Druck und die Lifestyle-Leiter”

  1. Zuallererst muss ich sagen, dass der Artikel an sich großartig geschrieben ist. Mit dem Inhalt kann ich mich allerdings nur teilweise anfreunden. Ich würde mir manchmal etwas mehr Optimismus wünschen und würde auch gerne mehr „Es ist ein Dauerzustand“ sagen können, besonders, wenn es um die Liebe geht.

    Ich habe keine Lust den ganzen Tag mit Verlustängsten durch die Gegend zu rennen, wenn ich gerade richtig glücklich bin weil mir zahlreiche Artikel sagen, dass das sowieso kein Dauerzustand ist. Natürlich sollte man sich von einer Trennung nicht zerstören lassen, aber zu viel Realismus macht mir den Gedanken daran kaputt, dass vielleicht doch alles gut werden kann.

    Ja, ich wünschte mir, ich könnte besser damit umgehen, aber das kann ich nicht und anstatt zu sagen, dass meine Sicht der Dinge schön ist weil sie vielleicht an gewisse Sachen und vor allem am Glauben festhält, wird man plötzlich als naiv bezeichnet, als ob ich die einzige auf diesem Planeten bin, die noch nichts davon gehört hat, dass sowieso alles einmal scheitert. Wenn man gerade glücklich ist, will man einfach nichts davon wissen, dass die Welt eigentlich viel schlechter ist als man denkt und auf jede Liebe automatisch eine Trennung folgt.

    • Natürlich, dass nichts ein Dauerzustand ist, ist nicht unbedingt beruhigend. Und gerade in der Liebe natürlich nichts, was man sich ständig vorsagen sollte, denn wenn man durchgehend daran denkt, dass eine Beziehung wieder vorbeigehen könnte, kann man sie gleich sein lassen. Auf das ganze Leben betrachtet kann der Satz, finde ich, aber auch für Entspannung sorgen. Im Sinne von „da kann noch so viel kommen“ – beruflich und auch privat. Und anstatt nur darauf hinzuarbeiten, irgendwo anzukommen, kann er einem ein bisschen Offenheit und Leichtigkeit geben.
      Ich finde es einfach schön, einen solchen Satz von einer Freundin kurz nach einer Trennung zu hören. Aber auch in einer glücklichen Beziehung oder einem erfüllenden Job heißt das ja nicht, dass alles morgen vorbeisein kann. Sondern dass sich alles, auch eine Beziehung ändern kann und man auch gemeinsam nach ein paar Jahren anders ist, als am Anfang. Wichtig ist die Offenheit für Veränderungen und auch die Offenheit, auch mal zu scheitern. Und ein bisschen den Druck aus allem herauszunehmen.

  2. Milena, du sprichst mir aus der Seele! Ein wunderbarer Text, der wahrscheinlich auf so viele unter uns zutrifft.
    Leider fällt uns das mit dem Lockerlassen und Alles-mal-entspannt-sehen nicht immer so leicht wie wir es gerne hätten, aber sich bewusste Verschnaufpausen zu gönnen, ist wichtig und richtig!
    Sonst hätten wir ja niemals die Zeit, auch mal von außen auf unseren Lifestyle zu schauen und uns selbst zu hinterfragen: Macht mich das überhaupt glücklich? Mache ich das, weil andere es von mir verlangen? Weil es die Gesellschaft so voraussetzt?

    In diesem Sinne: immer weiter – auch ohne Lifestyle-Leiter.

    Alles Liebe aus Hamburg
    Nori

  3. Mein Gott, du sprichst mir aus der Seele. Noch heute morgen war alles scheiße, weil ich eine Absage für ein Volo bekommen habe, mittlerweile hatte ich mich beruhigt und nun passt es wie die Faust aufs Auge, dass du diese Zeilen schreibst! Danke und ja nichts ist von Dauer und alles kann sich urplötzlich ändern. Vor allem ist vieles nicht planbar :) Liebe Grüße

  4. Ich finde den Text sehr treffend. Und immer ist eins das Problem. Nämlich wir selbst. Der Druck scheint uns zwar von der Gesellschaft auferlegt, aber wir haben ja immer noch die Möglichkeit, ob wir uns dem Druck hingeben, oder unseren eigenen Weg gehen. Wobei das natürlich leichter gesagt ist, als getan. Und ich finde dieses „Nichts ist ein Dauerzustand“ hat etwas sehr Positives. Wunderbar und abwechlungsreich. Das Ist das Leben und das ist meistens nicht so, wie wir uns es ausgemalt hatten.
    Liebe Grüße
    Arnika

  5. Schöner Text Milena! Ich bin mit knapp 33 schon ein paar Jahre älter als Du und muss wirklich sagen, dass ich sehr dankbar bin, dass in meiner Quarterlife-Crisis (Ende des Studiums) Pinterest, Instagram & Co. noch nicht so omnipräsent waren. Ich glaube, diese Zeit „zwischen den Zeiten“ – also Ende des Studiums, auf einmal geht das harte Erwachsenenleben wirklich los, Gedanken à la „Gott, jetzt ist die nächsten 40 Jahre nur noch Arbeit angesagt, das kann doch nich nicht alles gewesen sein“, Männer in Nicht-Festlegen-Wollen-Manie, Entscheidungsdruck an allen Ecken, Selbstfindungsdruck etc. – ist ohnehin einfach immer eine richtig beschissene Zeit, die zumindest bei mir und in meinem Umfeld zu einer Lebens- & Sinnkrise geführt hat. Wenn dazu auch noch das durchinszenierte Leben der Anderen auf Instagram/Pinterest & Co. tagtäglich vor Augen führt, wie vermeitlich perfekt Andere leben – das hätte mich in noch viel krassere Selbstzweifel getrieben. Mittlerweile bin ich ein bisschen entspannter mit mir und meinem Lebensentwurf und kann aus eigener Erfahrung sagen – irgendwann lernt man zu verstehen, um welche Dinge es sich wirklich lohnt, einen Kopf zu machen – und um welche eben nicht. Und dann können die schönen Dinge eben doch ein Dauerzustand werden:-)

  6. Ein Text, der das große Ganze trifft. Danke für diese 5 Minuten Empathie, besonders was das Leben der Mid-20er angeht und auch besonders der Frauen, die sich immer mehr zumuten. Ich habe einen neuen Post verfasst, der zwar ein wenig subjektiver ist, würde mich jedoch sehr über einen Besuch freuen :)

    LG
    Cigdem

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